Barbara im Aarhus Theater: Wenn Liebe zur Jagd wird
Es hat etwas Besonderes, in einem kleineren Theatersaal zu sitzen. Man sitzt so nah dran, dass man fast selbst auf der Bühne sein könnte, und wenn das Moos auf dem großen, gestuften Felsen im Scheinwerferlicht grün leuchtet, vergisst man für einen Moment, dass man in Aarhus ist. Man ist auf den Färöer-Inseln, wo man den Wind fast auf der Wange spürt und die färöische Flagge stolz vor dem grauen Himmel des Nordatlantiks weht.
Es ist eines der eindrucksvollsten Erlebnisse in Sigrid Johannesens Inszenierung von „Barbara“ am Theater Aarhus. Die Bühnengestaltung von David Gehrt verwandelt den kleinen Raum in eine ganze Welt. Der Felsen, die Kirche, eine ganze Inselgemeinschaft versammelt sich auf einer sich drehenden, moosbewachsenen Skulptur. Und als der dänische Priester Poul ins Land kommt und die färöische Flagge einfach durch den Dannebrog ersetzt wird, ist bereits eines der stärksten Bilder der Aufführung etabliert. Eine kleine Geste, die alles darüber aussagt, welche Macht nun auf die Insel fließt.
Eine Frau unter Männern
Barbara, gespielt von Marie Boda, ist das Herz und die Unruhe des Stücks. Sie ist schön und lebhaft und stürzt sich mit einer Wildheit in die Liebe, die die Männer um sie herum aus dem Gleichgewicht bringt: den Priester Poul, den sie heiratet, dann den französischen Soldaten und später den jungen Andreas. Sie ist die freigeistige Frau und die wilde Naturforscherin, als die sie im Roman und in der Inszenierung dargestellt wird.
Und doch. Wenn ich da im Flur sitze, sehe ich keine freie Frau. Ich sehe eine Frau, die nach etwas sucht, das sie nicht in Worte fassen kann. Barbara jagt der Liebe von Mann zu Mann hinterher, aber es ist, als fände sie sie nie wirklich. Oder vielleicht sucht sie am falschen Ort. Vielleicht glaubt sie, dass die Begierde und das Aussehen von Männern sie erfüllen können, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich braucht. Sie weiß es nur selbst nicht.
Diese Interpretation legt die Aufführung nicht unbedingt nahe. Sigrid Johannesen sprach davon, die Darstellung von Frauen in der Vergangenheit mit den Augen der Gegenwart betrachten und Barbara eine neue Stimme geben zu wollen. Und das gelingt ihr teilweise. Marie Boda verkörpert sie mit einer Verletzlichkeit unter der Wildheit, die den Blick fesselt.
Die Geschichte macht Frauen klein
Irgendwann während der Aufführung landen französische Truppen an der Klippe. Die färöischen Frauen geraten in Panik. Sie schreien über die Klippe, dass sie vergewaltigt werden. Die Geschichte wird mit einer Leichtigkeit erzählt, die mich etwas schockierte. Eine der Frauen wird von einem der Soldaten schwanger und daraufhin gezwungen, einen Färinger zu heiraten, den sie nicht liebt.
Ich weiß, es sind andere Zeiten. Ich weiß auch, dass dies damals und vielerorts auf der Welt die Realität für Frauen war und immer noch ist. Aber wir kämpfen seit Jahren dafür, dass der Körper und die Erfahrungen von Frauen ernst genommen werden, und es erstaunt mich, wie leichtfertig eine Szene wie diese behandelt wird.
Dasselbe gilt für die Bezeichnung Barbaras als Priesterhure. Weil sie mehrmals verheiratet war, weil sie mehrere Männer geliebt hat, gilt sie als Hure. Sigrid Johannesen sprach davon, untersuchen zu wollen, wie Frauen von ihren Nachkommen dämonisiert werden. Doch wenn der Begriff selbst in einer Aufführung unwidersprochen weiterbesteht, empfinde ich nicht, dass die Dämonisierung untersucht, sondern dass sie wiederholt wird. Eine Frau, die mehrere Männer geliebt hat, ist keine Hure. Sie ist eine Frau, die gelebt hat.
Die visuellen Effekte werten die Performance auf.
Ich habe zwar meine Bedenken hinsichtlich der weiblichen Perspektive in der Geschichte, aber Barbara ist zweifellos ein visuelles Meisterwerk. Das Licht verändert das Bühnenbild von einem hellen Grün zu einem völlig anderen Ton, während die Dunkelheit über die Insel hereinbricht. Die Menschen stehen am Rand der Klippe und blicken auf die dänischen Beamten hinab, die auf der Insel eintreffen, und man spürt den Blick, von dem der Regisseur spricht. Die Färinger blicken die Dänen an, und die Dänen erwidern den Blick. Das Machtverhältnis ist in der Szene bereits spürbar, bevor ein einziges Wort gesprochen wird.
Die intime Atmosphäre des Studioraums verstärkt das Erlebnis zusätzlich. Man sitzt so nah, dass man den Schweiß auf Pouls Stirn sieht, Barbaras leicht schleppende Stimme hört und den Atem des Chors spürt. Es ist Theater, das mit Nähe arbeitet, und das passt zu einer Geschichte, die im Kern von Menschen handelt, die einander nicht finden können, selbst wenn sie ganz nah beieinander stehen.
„Barbara“ ist ein Stück mit großen Ambitionen. Es will von Liebe erzählen, von Kolonialmacht, von einer Frau, die sich nicht zähmen lässt. An manchen Stellen gelingt es, an anderen verlor es mich aus den Augen. Doch es ist ein Stück, das mich nicht loslässt. Eines, über das man beim Hinausgehen spricht, und eines, das einen darüber nachdenken lässt, was es bedeutet, einer Liebe nachzujagen, die man nicht selbst definiert hat.
Andere erleben es vielleicht als das mitreißende Drama, als das es angelegt ist. Theater ist nicht immer eine Erfahrung, die wir alle gleich wahrnehmen, und vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, es sich anzusehen. Um herauszufinden, wo man selbst steht.
Praktische Informationen
- Aufführung: Barbara
- Ort: Aarhus Theater, Scala-Bühne
- Spielzeitraum: 2. Mai bis 6. Juni 2026
- Inszenierung: Sigrid Johannesen
- Bühnenbild: David Gehrt
- Auf der Bühne: Marie Boda (Barbara), Emil Busk Jensen (Poul) sowie das Ensemble und der Chor des Aarhus Theaters.
- Basierend auf: Jørgen-Frantz Jacobsens Roman Barbara aus dem Jahr 1939
- Laufzeit: 1 Stunde und 45 Minuten – ohne Pause
- Fahrkarten: aarhusteater.dk
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