Ungehorsam – Der Körper im Punk von Marie Arleth Skov bei ARoS
Beim Betreten der neuen Ausstellung im ARoS werden Sie feststellen, dass es sich um eine ungewöhnliche Museumsausstellung handelt. Die Wände sind dunkelgrau gestrichen, und die weißen Texteinblendungen liefern historische Hintergrundinformationen zu den Werken. An der ersten Wand erfahren Sie mehr über die Entstehung des Punk, während sich Ihre Augen an das gedämpfte Licht gewöhnen. „NO FUTURE“ prangt an der ersten Wand, und Sie erkennen sofort, dass die Ausstellung mehr als nur Punkmusik und -mode behandelt.
„Ungehorsam. Der Körper im Punk“ ist eine Forschungsausstellung der Kuratorin Marie Arleth Skov und das Ergebnis ihres dreijährigen Postdoktoranden-Forschungsprojekts in Zusammenarbeit zwischen ARoS und der Universität Aarhus. Sie vereint 130 Werke, darunter Fotografien, Filme, Schmuck, Fanzines usw.
Die Subkultur, die eine Revolution auslöste
Punk entstand in den 70er Jahren als Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, mangelnde Freiheit, etablierte Autoritäten und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Eine ganze Generation hatte in einer Zeit wirtschaftlicher Krise, politischer Unruhen und hoher Jugendarbeitslosigkeit den Glauben an ihre Zukunft verloren. Eine Subkultur mit dem Slogan „NO FUTURE“ entstand, und Do-it-yourself (DIY) wurde zum Kernkonzept, das jeden zur Teilnahme an Musik, bildender, darstellender und zeitgenössischer Kunst sowie an gemeinnütziger Organisation ermutigte. Fanzines entstanden, die es ermöglichten, radikale Ideen direkt zu verbreiten, und sozialer Aktivismus wurde genutzt, um gegen alles zu kämpfen – von Faschismus und Krieg bis hin zu queeren Rechten und Umweltgerechtigkeit.
Man musste nicht unbedingt etwas sagen, um aktivistisch zu sein. Das eigene Aussehen wurde zum Ausdruck von Rebellion. Die Ausstellung zeigt viele Gesichter junger Menschen, auf denen dies deutlich zu erkennen ist. Schnell fallen die vielen jungen Leute mit unkonventionellen Frisuren, schwarzem, markantem Make-up, zerrissener Kleidung und Accessoires aus ungewöhnlichen Materialien wie Sicherheitsnadeln, Leder und schweren Ketten ins Auge. Betrachtet man jedes Bild und den dazugehörigen Text, wird deutlich: Punk war die Stimme derer, die zum Schweigen gebracht wurden. Eine rohe und kompromisslose Ausdrucksform dessen, was die Gesellschaft so verzweifelt zu verbergen suchte.
Punk hinter der Wand
Dies wird besonders deutlich im Blick der Ausstellung auf die Punk-Szene in Ostberlin. Unter der DDR entwickelte sich Punk zu einer der bedeutendsten und am stärksten verfolgten Untergrundbewegungen. Junge Ostdeutsche, die sich gegen die fehlende Freiheit, den Zwang und die Zensur wehrten, nutzten Punkmusik und -mode als Ausdrucksmittel des Widerstands. Punk-Künstler wurden überwacht und von Ausstellungen ausgeschlossen.
Es mag wie eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten klingen, doch auch hier sind die Parallelen zur Gegenwart unübersehbar. Noch heute werden Bücher verboten und Künstler stoßen auf Zensur und Widerstand, weil ihre Werke Normen, Machtstrukturen oder Ideologien infrage stellen. Beim Durchwandern der Ausstellung spürt man die rohe Energie der vielen Seelen in den Werken, die einfach nur Präsenz zeigen wollten, nicht dazugehören.
Achten Sie besonders auf die physische Anordnung der Werke. Sie sieht aus wie ein Aluminiumgerüst und unterstreicht die rohe und unverblümte Thematik der Ausstellung. Bei genauerem Hinsehen entsteht jedoch ein widersprüchliches Gefühl: Wird das Gerüst gerade aufgebaut oder abgebaut? Genau das zeigt die Ausstellung im Kern: die ehrliche und rohe Triebkraft, die tief im Punk schlummert.
Bruch mit dem natürlichen weiblichen Körper
An der nächsten Ausstellungswand prangt der Titel „Der Körper als Leinwand“, und genau das erwartet den Besucher. Besonders anregend an der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper, der als radikale Ablehnung normativer Weiblichkeit erlebt wird. Frauen befreiten sich von gesellschaftlichen Erwartungen und Normen, indem sie ihre physische Präsenz, Mode und provokante Performances einsetzten, die patriarchale Kontrolle untergruben und körperliche Selbstbestimmung zum Ausdruck brachten.
In diesem Teil der Ausstellung tritt das Animalische besonders deutlich hervor. Die Faszination des Punk für das Animalische offenbart ein Spiel des Widerstands, in dem das Wilde und Ungezähmte dem Begrenzten und Eingesperrten gegenübersteht. Vögel sind ein wiederkehrendes Motiv; man sieht Werke, in denen Vogelflügel als Symbol der Freiheit dienen, und solche, in denen sie Macht symbolisieren.
Eines der Fotos, das mich am meisten berührt hat, zeigte Nina Sten-Knudsens Nadelschmuck. Sie hatte eine Halskette aus Nadeln gefertigt und trug sie selbst. Die Nadelspitzen zeigten sowohl nach außen als auch nach innen, sodass jede Berührung schmerzte. Das Foto verdeutlichte ihre damaligen Gefühle gegenüber sich selbst und der Welt.
Foto: Christina
Die Nacht als freier Raum
Am Ende der Ausstellung betritt man einen separaten, abgetrennten Raum, in dem die Nacht herrscht. Die gesellschaftlichen Normen des Tages verschwinden. Außenseiter und Sonderlinge können sich im Dunkeln treffen, ohne dass jemand eine Erklärung verlangt. Punk-Fotografie und -Mode nutzten Fetisch-Elemente wie Provokation und BDSM als künstlerische Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht. Doch inmitten all des Aufruhrs war der Punk-Körper auch romantisch, intim und verletzlich. Patti Smith sang einst, die Nacht gehöre den Liebenden, und in diesem Zitat verbirgt sich die gesamte Stimmung des Raumes.
Punk fühlt sich bei ARoS nicht wie etwas Vergangenes an.
In einer Zeit, in der Rechtsextremismus in der Politik immer präsenter wird, traditionelle Frauen und die Vorstellung vom „göttlichen“ weiblichen Körper die sozialen Medien junger Menschen beherrschen, geopolitische Unruhen aufgrund von Ölkonflikten zunehmen und die Arbeitszufriedenheit sinkt, ist die Ausstellung relevanter denn je. Betrachtet man die Werke heute, fragt man sich unweigerlich, wie weit wir tatsächlich gekommen sind.
Denn obwohl die Blütezeit des Punk Jahrzehnte zurückliegt, ist der weibliche Körper nach wie vor von starken Normen, Erwartungen und Vorurteilen geprägt. Vielleicht ist das genau der Grund, warum „Ulydig“ so tief berührt. Es erzählt nicht nur die Geschichte einer Subkultur der Vergangenheit, sondern erinnert uns auch daran, dass viele der Kämpfe, die der Punk geführt hat, noch immer hochaktuell sind.
Hintergrundmusik während der Ausstellung:
- Sex Pistols – „God Save the Queen“, 1977
- X-Ray Spex – „Oh Bondage! Up yours!“, 1977
- Sham 69 – „Engel mit schmutzigen Gesichtern“, 1978
- Nina Hagen – „Unbeschreiblich Weiblich“, 1978
- The Clash – „London Calling“, 1979
- Klischee – „Bodyguards“, 1980
Wenn du Disbedient selbst erleben willst
- Ort: ARoS Aarhus Kunstmuseum, Ebene 5 (Fokus).
- Zeitraum: 27. Juni 2026 – 13. Dezember 2026.
- Kuratorin: Marie Arleth Skov.
- Tickets: Kostenlos mit Jahreskarte oder im Preis inbegriffen
die Eintrittskarte für ARoS.



















